Die weltweite Corona-Pandemie beeinflusst nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens – auch den Bereich Mobilität. Mit der Einführung von landesweiten Infektionsschutzmaßnahmen hat sich das Mobilitätsverhalten stark gewandelt. Zwar sind viele Phänomene nur temporärer Natur, aber es zeichnet sich ab, dass die Pandemie die Mobilität auch nachhaltig verändern wird. Unternehmen und Kommunen tun gut daran, sich jetzt schon darauf einzustellen.

Die Autobahnen sind leerer geworden, die innerstädtischen Straßen ohnehin: Das Corona-Virus hat das Kfz-Verkehrsaufkommen stark reduziert. Beim ÖPNV sieht es nicht anders aus: Busse, Straßenbahnen sowie U- und S-Bahnen sind außerhalb der typischen Pendlerzeiten kaum besetzt. Laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV)  ist die Auslastung des öffentlichen Personennahverkehrs seit Beginn der Corona-Eindämmungsmaßnahmen je nach Region um 50 bis 80 Prozent geschrumpft. Dasselbe gilt für den Mikromobilitätsverkehr. Die E-Scooter-Anbieter Lime und Bird etwa haben ihre Dienste in Europa komplett eingestellt, nachdem die Nutzerzahlen um bis zu 80 Prozent zurückgegangen sind. Das alles wird natürlich nicht so bleiben. Die Frage ist aber, in welchem Maße der Verkehr in den verschiedenen Segmenten zurückkommt.

Nach Ansicht von Mobilitätsforschern steht unsere Gesellschaft an einem Scheideweg: Wir können nach der Pandemie wieder in gewohnte Mobilitätsmuster verfallen – oder eben nicht. Es stellt sich daher die Frage, ob sich nach der Krise unser Fortbewegungsverhalten grundlegend verändern wird. 

Die Krise verstärkt Mega-Trends

Nach Ansicht der internationalen Gesellschaft für Zukunfts- und Trendberatung wird die Weiterentwicklung der Gesellschaft maßgeblich von sogenannten „Mega-Trends“ bestimmt. Die Corona-Krise verstärkt neben der Mobilität zwei weitere Mega-Trends signifikant: New Work und Neo-Ökologie.

Mega-Trend New Work

New Work, das „Neue Arbeiten“, hielt mit dem Beginn des digitalen Wandels Einzug in die Arbeitswelt. Ein wesentliches Merkmal von New Work ist die räumliche Unabhängigkeit des Arbeitnehmers vom Arbeitsplatz. Durch die Krise wird dieser Trend stark begünstigt: Die breitflächige Etablierung von Home-Office-Arbeit verändert die Arbeitskultur dauerhaft. Naheliegend ist, dass Home-Office als essenzieller Bestandteil jeder Unternehmenskultur mehr Flexibilität in den Arbeitsalltag bringen kann. 

Die Krise fordert von vielen Unternehmen ihre Geschäfte digital abzuwickeln und ihre Prozesse und Meeting-Kultur ganzheitlich zu überdenken. Die Chance besteht darin, dass sich einige digitale Prozesse für die Zeit nach der Krise dauerhaft etablieren können. Mögliche Folgen könnten dabei ein sinkender Berufsverkehr sowie eine generelle Veränderung des Geschäftsreiseverhaltens sein.

Mega-Trend Neo-Ökologie

Spätestens seit dem Aufkommen der Klima-Debatte gibt es in unserer Gesellschaft wieder ein starkes Umweltbewusstsein. Dieses wird durch die Corona-Krise noch befeuert: Das weltweite Herunterfahren der Industrie hat vielen Ländern vor Augen geführt, wie stark sich die Produktion und der Verkehr auf die Umwelt auswirken. So zeigten NASA-Bilder Anfang des Jahres einen 30-prozentigen Rückgang der Stickoxide über China. In Peking konnte man 2020 beim Blick nach oben zum ersten Mal wieder blauen Himmel statt einer grauen Smog-Wolke sehen. Auch das deutsche Klima profitiert – die Initiative Agora Energiewende prognostiziert, dass durch die Fabrikschließungen im Frühjahr rund 25 Millionen Tonnen weniger klimaschädigende Gase produziert werden. Folge dieses Trends: Die Regierungen werden den Mobilitätswandel noch energischer als bisher forcieren.

ÖPNV und Last-Mile-Verkehrsmittel 

Eine deutliche Verschiebung in Richtung ÖPNV ist entgegen früherer Prognosen nicht mehr zu erwarten. Im Gegenteil: Der Mobilitätsforscher Prof. Dr. Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum in Berlin geht davon aus, dass das ÖPNV-Angebot in Deutschland sich verkleinern wird. Viele nicht kommunale Bus- und Bahnunternehmen werden sich schlicht nicht über die Krise retten können. Die Mikromobilität wird ebenfalls zurückgehen, denn auch etliche Anbieter von E-Scootern werden aus dem Markt ausscheiden. Es wird eine Konsolidierung stattfinden, die nur finanziell starke Unternehmen überleben. Beim deutschen Anbieter Tier sind derzeit schon 60 Prozent der Belegschaft in Kurzarbeit, der US-Anbieter Lime steht kurz vor der Insolvenz.

Das Auto als Krisengewinner

Auf den ersten Blick scheint es, als sei das Auto unter den Verkehrsmitteln der große Krisengewinner – immerhin sind Autobesitzer in der Pandemie trotz reduziertem ÖPNV-Angebot uneingeschränkt mobil, und dank gesunkener Rohölpreise haben sie derzeit sogar niedrigere Kosten. Zudem ist davon auszugehen, dass es künftig weniger Alternativen zum privaten Auto geben wird. Car-Sharing-Dienste werden kaum mehr genutzt, ebenso wenig wie On-Demand-Shuttles. Prof. Dr. Andreas Knie glaubt daher, dass Anbieter wie Moia oder Clevershuttle die Krise nicht überleben. Vielleicht wird das On-Demand-Shuttle-Konzept sogar gänzlich vom Markt verschwinden. Allgemein sind Autos mit Verbrennungsmotoren in den Städten weniger willkommen – daran ändert langfristig auch die Krise nichts. Für Berlin gibt es bereits eine Senatsvorlage, die ein Fahrverbot für Verbrennungsmotoren in der Hauptstadt ab 2030 vorsieht. Das Auto wird in Zukunft zwar weiterhin seinen Platz in der Mobilität haben, aber es wird hauptsächlich für den außerstädtischen Transfer genutzt werden. Somit gewinnen durchdachte Parkkonzepte, die es ermöglichen, das Auto möglichst stadtnah und an gut angebundenen Verkehrsknotenpunkten zu parken, erheblich an Bedeutung.

Fahrräder auf dem Vormarsch

Das Verkehrsmittel mit dem größten Nutzungszuwachs seit dem Beginn der Krise ist das Fahrrad. Das liegt vor allem daran, dass etliche Berufspendler ohne Auto gar keine andere Wahl haben, als mit dem Fahrrad zu fahren, denn der öffentliche Nahverkehr findet in einigen Regionen nur noch rudimentär statt. Es hat aber auch gesundheitliche Gründe: Fahrradfahren ist laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn derzeit die beste Art der schnellen Fortbewegung. Es sorgt für eine verstärkte Belüftung der Lunge, trainiert die Atemmuskulatur und ist somit eine wirksame Gesundheitsschutzmaßnahme. Professor Stefan Gössling, Gründer des Mobilitätsforschungsinstituts „Transportation Think Tank“ (T3), sieht in der Corona-Krise sogar die Chance, das Fahrrad als Hauptverkehrsmittel zu etablieren. Herr Gössling plädiert für das Anlegen von Fahrradstraßennetzen in allen großen Städten – zu Lasten des Kfz-Straßennetzes. Der Umbau der Städte sei „ohnehin unvermeidbar und die Situation für rigorose Maßnahmen momentan günstig“. In Berlin sieht man das offenbar auch so: Dort wurden im März etliche Autospuren gesperrt und in Fahrradstraßen umgewandelt. Die Fahrradstraßen sind breiter als normale Fahrradwege, damit Radfahrer den während der Pandemie angeordneten Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 Metern einhalten können. Auch in Frankfurt wurden seit Jahresbeginn zahlreiche Autospuren in Fahrradstraßen umgewandelt; dies war jedoch schon vor der Corona-Krise beschlossen worden.

Guy uses bike for coming to the office

Laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist Fahrradfahren derzeit die beste Art der schnellen Fortbewegung.

Fazit

Die Corona-Krise dämmt aktuell die Nachfrage nach Fortbewegung vorübergehend stark ein. Das ist für Mobilitätsanbieter, wie Sharing- und Fahrdienste sowie Anbieter von Mikromobilität, ein Desaster. Gesamtgesellschaftlich gesehen geht mit der Krise aber auch eine große Chance einher: Wir können jetzt eruieren, wie viel Mobilität wir künftig wirklich brauchen. Derzeit wird deutlich, dass dank moderner Digitaltechnik viele Wege im Berufsalltag vermeidbar sind und dass die gewohnte Verkehrsdichte in den Städten nicht zwangsläufig nötig ist.

Denn die Krise zeigt auch: Es gibt bereits zu viele Fahrzeuge. Jedes Jahr kommen in Deutschland allein eine Million neue Autos auf die Straßen – eine Menge, die weder erforderlich noch auf lange Sicht verkraftbar ist. Nachdem die Regierung zu Beginn der Krise dazu aufgerufen hatte, öffentliche Verkehrsmittel zu meiden und stattdessen das Auto zu nutzen, quollen manche Ballungsräumen förmlich über vor Autos. Städte wie Düsseldorf und Dresden sahen sich gezwungen, zunächst die Parkgebühren im öffentliche Raum auszusetzen und schließlich auch noch auf das Ausstellen von Strafzetteln für Falschparken zu verzichten14 – anderenfalls hätten die Pendler einfach keine Abstellmöglichkeiten gefunden. Die Anzahl von E-Scootern, die aktuell noch zu tausenden in den Innenstädten herumstehen, ist ebenfalls viel zu groß. Aufgrund der geringen Nutzungsfrequenz war das Leihgeschäft für viele Betreiber ohnehin nicht sehr gewinnbringend. Die Corona-Krise wird deshalb das Ende vieler Mobilitätsanbieter einläuten.

Nach der Corona-Krise ist es möglich, dass sich der Verkehr „gesundschrumpfen“ wird. Sobald Länder, Städte und Gemeinden ihre vorhandene Infrastruktur anpassen oder erneuern, können sie eine Verkehrswende herbeiführen. Dies kann durch intelligente Parkraummanagementsysteme, durch Einführung der Mikromobilität oder durch weitere Digitalisierungsmaßnahmen passieren. 

 

 

Quellen: 

spiegel.de (2020): So werden Bus und Bahn zur Virenschleuder (https://www.spiegel.de/auto/corona-krise-so-werden-bus-und-bahn-zur-virenschleuder-a-97898f5b-e3f3-4154-91ce-111383f03226)

gruenderszene.de (2020): Nicht alle Mobility-Startups leiden unter der Corona-Krise (https://www.gruenderszene.de/automotive-mobility/mobility-startups-profitieren-von-corona?interstitial)

zukunftsinstitut.de (2020): Mit den Mega-Trends in die Post-Corona-Zeit (https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/mit-den-megatrends-in-die-post-corona-zeit/)

heise.de (2020): Nicht nur gut für das Klima … (https://www.heise.de/tp/features/Nicht-nur-gut-fuer-das-Klima-und-saubere-Luft-4673987.html)

swr.de (2020): Corona: positive Folgen für die Umwelt (https://www.swr.de/wissen/corona-positive-folgen-fuer-die-umwelt-100.html)

Heidenheimer Zeitung (2020): Krise als Chance begreifen (https://www.hz.de/politik/covid-19-_krise-als-chance-begreifen_-45078912.html)

Handelsblatt (2020): Coronavirus beschleunigt die Auslese der Mobilitätsdienste (https://www.handelsblatt.com/technik/thespark/folgen-der-epidemie-lime-geht-das-geld-aus/25680408-2.html?ticket=ST-1481552-zjgC5eqW2S61x9hd5WgW-ap3)

nahverkehrhamburg.de (2020): Interview Prof. Dr. Andreas Knie (https://www.nahverkehrhamburg.de/mobilitaetsforscher-on-demand-shuttles-und-carsharing-anbieter-werden-corona-nicht-ueberleben-14526/)

welt.de (2019): Berlin: Benziner und Diesel in Innenstadt bis 2030 verbieten (https://www.welt.de/politik/deutschland/article205192649/Berlin-Benziner-und-Diesel-in-Innenstadt-bis-2030-verbieten-laut-Senat.html)

 riffreporter.de (2020): Mobilität in Zeiten von Corona (https://www.riffreporter.de/busystreets-koralle/corona/mobilitaet/)

morgenpost.de (2020): Wegen Corona mehr Platz für Radfahrer (https://www.morgenpost.de/bezirke/friedrichshain-kreuzberg/article228785105/Wegen-Corona-Mehr-Platz-fuer-Radfahrer-in-Kreuzberg.html)

fnp.de (2020): Radfahrer bekommen mehr Spuren. (https://www.fnp.de/frankfurt/frankfurt-radfahrer-bekommen-mehr-spuren-autofahrer-muessen-platz-machen-13515744.html)

zeit.de (2020): 100 Millionen Autos jedes Jahr mehr (https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-09/navigation-big-data-tom-tom-heiko-schilling)

 tag24.de (2020): Dresden verteilt keine Strafzettel mehr. (https://www.tag24.de/dresden/coronavirus-sei-dank-dresden-verteilt-keine-strafzettel-mehr-1471854)