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Große Zukunft für kleine Verkehrsmittel: Mikromobilität als Ergänzung der Infrastruktur

Schnelleres und komfortableres Vorankommen im Vergleich zum Zu-Fuß-Gehen, keine Schadstoff-Emissionen – das sind die Vorteile der Mikromobilität. Mehr Verkehrsregelverstöße, die Akku-Problematik, kreuz und quer abgestellte Fahrzeuge – das sind die Nachteile. Dennoch: Die Fortbewegung mit elektrischen Kleinstfahrzeugen über kurze Distanzen ist eine wichtige Säule der nachhaltigen Mobilität. Und sie wird künftig noch wichtiger werden.

Micromobility-Verkehrsmittel oder auch „Last-Mile“-Verkehrsmittel sind im weitesten Sinne Gefährte, die für den Transport von Einzelpersonen über kurze Strecken konzipiert sind. Im engeren Sinne sind es elektrisch angetriebene Leichtfahrzeuge – also etwa E-Roller, E-Scooter und Segways. Aufgrund des verstärkten Aufkommens solcher Leichtfahrzeuge in den letzten Jahren hat der Gesetzgeber im Jahr 2019 eine Verordnung zu ihrer Klassifizierung und zu ihrer Nutzung im Straßenverkehr erlassen. Die sogenannte Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (eKFV) trat am 15. Juni 2019 in Kraft. Sie erlaubt den Betrieb von E-Fahrzeugen im öffentlichen Raum, sofern diese eine Lenkstange haben und bestimmte Maße nicht überschreiten. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 20 km/h begrenzt. Auf Gehwegen und auf Kraftfahrstraßen dürfen sie nicht benutzt werden – nur auf innerörtlichen Straßen und auf Radwegen. E-Skateboards, auch „Hoverboards“ genannt, sowie sämtliche anderen elektrischen Fun-Gefährte ohne Lenker gelten nicht als Elektrokleinstfahrzeuge im Sinne der Verordnung und dürfen daher überhaupt nicht im öffentlichen Raum bewegt werden.

Erst Boom, dann Flaute – dann Erholung

Dass Micromobility die Individualmobilität bereichert und insofern zukunftsträchtig ist, steht außer Frage. Zu Beginn des Jahres 2019 publizierte die Unternehmensberatung McKinsey & Company eine Studie, die ein riesiges Marktpotenzial für Micromobility konstatierte. Der Markt wachse zwei- bis dreimal so schnell wie der Markt für Carsharing und für E-Mobility-Apps, hieß es in der Studie. Bis zum Jahr 2030 würden sich allein in Europa 150 Milliarden Dollar mit Mikromobilität umsetzen lassen, weltweit sogar bis zu 500 Milliarden Dollar. 2020 brach allerdings die Corona-Pandemie über die Welt herein – und damit änderte sich die Lage. Im Corona-Lockdown kam die innerstädtische Mobilität fast vollständig zum Erliegen; das Geschäft mit E-Rollern und E-Scootern schrumpfte in Deutschland um rund 60 %. Hersteller wie der E-Scooter-Produzent Metz Mecatech mussten Insolvenz anmelden. Mittlerweile ist die Micromobility jedoch wieder auf dem Vormarsch.

Corona-Pandemie: Fluch und Segen zugleich

Paradoxerweise erweist sich das Corona-Virus heute als Umsatztreiber für die Mikromobilitätsbranche: Viele Berufstätige mit kurzem Arbeitsweg, die früher Bus oder Bahn gefahren sind, fahren heute aus Angst vor Ansteckung lieber mit Leih-Rollern oder E-Scootern zur Arbeit. Auch die vielen Reisewarnungen und der damit verbundene Anstieg des innerdeutschen Städtetourismus kurbeln das Geschäft an. Für die überlebenden Anbieter (Lime hatte z. B. im Juni den defizitären Anbieter Jump geschluckt) bedeutet das, dass das Geschäft künftig sogar besser laufen könnte als jemals zuvor. In einzelnen Städten, etwa in Hamburg, ist das heute schon so: Der Anbieter Tier gab an, dass die Nachfrage hier im Juni trotz der Krise um das Zweifache gegenüber dem Vorjahr gewachsen ist. Falls keine weiteren vollständigen Lockdowns verhängt werden, prognostiziert McKinsey für 2021 dasselbe Micromobility-Marktpotenzial wie vor der Pandemie.

Sinn und Nutzen der Mikromobilität

Der Sinn der Mikromobilität besteht nicht darin, Autofahrer oder ÖPNV-Nutzer generell zum Umstieg auf Elektrokleinstfahrzeuge zu bewegen. Es geht vielmehr darum, Elektrokleinstfahrzeuge zweckmäßig in die Verkehrsmittelmatrix zu integrieren – und zwar so, dass dadurch Ressourcen geschont und Emissionen eingespart werden. Wenn E-Scooter nur von Menschen benutzt werden, die zu faul zum Laufen sind, ist damit nichts gewonnen. Wenn sie aber von Menschen benutzt werden, die früher mit dem Auto bis ins Stadtzentrum gefahren sind und heute nur noch bis zum Park-&-Ride-Parkplatz fahren (wo sie dann auf einen E-Scooter steigen), kommt das der Umwelt und der Allgemeinheit zugute. Mikromobilität soll dafür sorgen, dass die Luft in den Städten besser wird, ohne dass die urbane Gesellschaft an Beweglichkeit einbüßt – nicht mehr und nicht weniger. Genauso wenig wie es sinnvoll ist, mit dem Auto in die verstopfte City zu fahren, um dort zu flanieren und zu shoppen, ist es sinnvoll, mit dem E-Scooter zum Getränkemarkt zu fahren, um dort zwei Kisten Sprudel zu kaufen. E-Scooter sind dazu da, um Pendlern und Touristen beim Überwinden der „letzten Meile“ zu helfen – also des Stücks zwischen S-Bahn-Haltestelle und Arbeitsstätte, das so lang ist, dass man bisher gar nicht in Erwägung gezogen hat, mit der S-Bahn zur Arbeit zu fahren. Der Schlüssel dazu ist Vernetzung: Mittels digitaler Konnektivität soll jeder Verkehrsteilnehmer zu jeder Zeit das seinem Bedarf entsprechende Fahrzeug nutzen können.

Fahrrad und e-scooter

Effektive Mikromobilität erfordert nachhaltige Stadtplanung!

Mikromobilität kann aber nur dann eine gute Lösung für die letzte Meile sein, wenn die Stadtentwicklung darauf ausgerichtet ist. Eine vor Kurzem veröffentlichte Studie, die Metropolen in den USA, in Kanada, in Japan und in Europa (u. a. in Hamburg) auf ihre Verkehrsplanung hin untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass das bisher kaum irgendwo der Fall ist. Die großen Städte sind generell schlecht auf die Implementierung dieser relativ neuen Mobilitätsvariante vorbereitet. Zum einen ist das Abstellen von Mikromobility-Verkehrsmitteln im öffentlichen Raum nicht gesetzlich geregelt, was viele Probleme verursacht. Wild geparkte Roller und Scooter sind fast überall ein Ärgernis; es gibt immer wieder Proteste und Bürgerbeschwerden. Etliche deutsche Kommunen haben deshalb rigorose Abstellverbote verhängt und den E-Scooter-Betreibern Strafzahlungen angedroht. In Köln, Düsseldorf und Berlin sorgen seit einiger Zeit Ordnungsdienste der Betreiber für eine diszipliniertere Abstellpraxis. Zum anderen ist die innerstädtische Verkehrsführung nicht für langsame Verkehrsmittel (6–30 km/h) ausgelegt. Gefragt ist also eine neue, zeitgemäße Stadtplanung. Eine Verbesserung der Infrastruktur für Fahrradfahrer etwa würde auch den Nutzern von Elektrokleinstfahrzeugen zugutekommen. Wenn Pendler sich dann per App zu einem zentrumsnah gelegenen Park-Areal lotsen lassen können, von welchem aus sie mit E-Scootern bequem die Innenstadt erreichen, ist allen geholfen – der Stadt, den Pendlern und dem Klima. Digital gemanagtes Parken ist schließlich längst kein Zukunftsthema mehr.

Fazit

Mikromobilität bietet der urbanen Gesellschaft die Chance, die Verkehrsbelastung in den Ballungszentren zu reduzieren und dabei uneingeschränkt beweglich zu bleiben. Je mehr Menschen mit starkem Bewusstsein für Nachhaltigkeit die Mikromobilität als neue Säule der Verkehrsmatrix akzeptieren, desto mehr wird sie sich ausbreiten – und desto weniger wird das Autofahren im Innenstadtbereich künftig noch nötig oder auch nur erstrebenswert sein. Allerdings ist Mikromobilität ein zweischneidiges Schwert: Sie ist nur dann umweltfreundlich, wenn E-Scooter-Fahrten Auto- und Motorradfahrten ersetzen. Werden E-Scooter hingegen nur anstatt der eigenen Füße benutzt, bringt das der Umwelt keinen Nutzen. Im Gegenteil: Die meisten Leih-E-Roller werden in China produziert – die Energie dafür kommt aus chinesischen Kohlekraftwerken. Für die Akkus werden zudem seltene Rohstoffe benötigt, die mit hoher Umweltbelastung gefördert werden. Ob eine Ausweitung der Mikromobilität zu begrüßen ist, hängt also davon ab, wie gut sich die Mikromobilität mit der Makromobilität verknüpfen lässt – und das wiederum hängt davon ab, wie schnell und wie weitblickend Städte und Kommunen jetzt ihre Verkehrsinfrastruktur und ihr Verkehrsmanagement modernisieren.

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Quellen:

1 wikipedia.de (2019): Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (https://de.wikipedia.org/wiki/Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung)

2 Pressemitteilung McKinsey Company (2019): Micromobility in Europe

3 Handelsblatt (2020): Der E-Scooter-Crash (https://www.handelsblatt.com/technik/thespark/mobilitaetsdienste-der-e-scooter-crash-warum-lime-bird-und-co-das-corona-aus-droht/25699712.html)

4 t3n.de (2020): E-Scooter-Verleiher profitieren von Corona-Geschäft (https://t3n.de/news/e-scooter-hamburg-geschaeft-corona-1321579/)

5 ramboll.com (2020): Mikromobilität und nachhaltige Stadtentwicklung (https://de.ramboll.com/media/rde/mikromobilitaet-und-nachhaltige-stadtentwicklung)

6 koeln.de (2020): Neue Abstellverbotszonen (https://www.koeln.de/koeln/nachrichten/polizeimeldungen/escooter_in_koeln__dialog_und_neue_abstellverbotszonen_1131028.html)