Micromobility in the City

Das Auto ist vorbildlich auf einem Park-and-Ride-Parkplatz abgestellt, ins Zentrum geht es mit Bus, Bahn oder auch dem E-Scooter. So bewältigt der moderne „Urban Traveler“ die letzte Meile. Mittels Mikromobilität bestreiten Städter die letzten Distanzen zum Ziel. Der Begriff bezeichnet die Fortbewegung mit Kleinstfahrzeugen. Mikromobilität in der heutigen Form hat ihre Vorzüge – aber sie ist ein zweischneidiges Schwert.

Wo die Makromobilität aufhört, fängt die Mikromobilität an: vor Parkhäusern, auf Bahnhofsvorplätzen und an Straßenbahnhaltestellen. Um auf dem Weg zu einer Zieladresse über die sogenannte „Last Mile“ (Letzte Meile) zu kommen, kann der moderne Städter auf Leihfahrräder, Elektroroller und E-Scooter zugreifen. Mikromobilität beschränkt sich aber nicht auf die Bewältigung der „letzten Meile“. Sie umfasst vielmehr jeglichen Kurzstreckentransfer, bei dem Kleinstfahrzeuge ohne Verbrennungsmotor zum Einsatz kommen. Dabei kann nicht nur der Personentransport, sondern auch der Gütertransport im Vordergrund stehen. Ein Beispiel für Gütertransport per Mikromobilität ist der E-Bike- bzw. E-Trike-Einsatz der Deutschen Post DHL Group. Rund 12.000 elektrisch betriebene Pedalfahrzeuge sind bei dem Konzern im Einsatz. Jedes hat mindestens einen Lastträger, die E-Trikes haben sogar zwei.

Mikromobilität und Logistik – eine vielversprechende Kombination

Der Einzug der Mikromobilität in die Logistik steht kurz bevor. In Frankfurt ist seit dem Frühjahr 2019 das Pilotprojekt Logistiktram für ein System im Einsatz, das sich aus den Komponenten Straßenbahn, Logistikboxen und Lastenfahrräder zusammensetzt. Einen weiteren Beleg für die Vereinbarkeit von Gütertransport und Kleinstfahrzeugen liefert die Logistikfirma Andreas Schmid Group: Sie setzt in Augsburg seit Oktober 2019 Elektro-Lastenräder ein. Die E-Lastenräder sollen Vans und Lkw in der Augsburger Innenstadt ersetzen. Sie haben eine offene Fahrerkabine und einen geschlossenen Frachtraum, der den Transport von bis zu 180 Kilogramm Nutzlast erlaubt. Aufgrund dieses Vorteils greift auch die deutsche Post auf derartige e-Lastenräder zurück.

e-bike from German post DHL

E-Lastenrad der Deutschen Post

Anwendungsbeispiele von Mikromobilität im Personentransport 

Mikromobilität hat viele Erscheinungsformen. Neben der öffentlichen Mikromobilität gibt es die private und die firmeneigene Mikromobilität. Entsprechend vielfältig sind die Anwendungsszenarien. Wir stellen Ihnen die gängigsten anhand von Beispielszenarien vor.

Öffentliche Mikromobilität ohne Vorausbuchung

Lydia ist Auszubildende in Düsseldorf. Sie hat ein Auto, nutzt für Shoppingtouren in die Innenstadt aufgrund der schwierigen Parksituation aber lieber den ÖPNV. Wenn sie in der Innenstadt ist, bewegt sie sich auf den Düsseldorfer Einkaufsstraßen mit E-Scootern fort, die dort an jeder Ecke von unterschiedlichen Anbietern stehen. Die Scooter schaltet sie mit ihrem Smartphone über die E-Scooter-Sharing-App des Anbieters wie TIER oder Hive frei, und wickelt die Bezahlung nach Nutzungszeit ab.

Öffentliche Mikromobilität mit Vorausbuchung

Jutta ist Studentin und wohnt in Berlin. Sie besitzt kein Auto. Für größere Transfers innerhalb des Stadtgebietes nutzt sie die Mobilitäts-App Jelbi der Berliner Verkehrsbetriebe. Diese App zeigt an, welche Wege und Möglichkeiten des Transports es in Berlin gibt. Sie beinhaltet neben Fahrplänen und Preisen für den ÖPNV auch E-Roller und E-Scooter Angebote als Last-Mile-Verkehrsmittel. Über die App kann Jutta  ihr ÖPNV-Ticket und die benötigte Mikromobilitätsleistung buchen und bezahlen.

Private Nutzung von Mikromobilität

Herr Schmidt ist Außendienstler. Er muss oft Termine in Wohngebieten wahrnehmen, in denen es schwierig ist, einen Parkplatz direkt am Ziel zu finden. Deshalb hat er sich einen faltbaren E-Scooter  wie den EGRET TEN -V4 gekauft, den er im Kofferraum seines SUVs transportiert. Bei seinen Touren lässt er sich über eine Parking-App wie PARCO zu einem freien Parkplatz lotsen und bringt dann den E-Scooter zum Einsatz. Mit diesem fährt er bis vor die Haustür der Zieladresse.

Firmeneigene Mikromobilität

Frau Hoffmann ist Logistikleiterin in einem großen E-Commerce-Handel. Sie kommt mit dem Auto zur Arbeit und parkt auf dem firmeneigenen Parkplatz. An der Parkplatzeinfahrt stehen E-Bikes und E-Roller, die ihr Arbeitgeber bei einem E-Roller-Flottenanbieter wie Jobrad geleast hat. Da Frau Hoffmann im Rahmen ihrer Tätigkeit täglich weite Wege auf dem Werksgelände zwischen den Büroräumen und dem Warenlagern zurücklegen muss, hat ihr der Fuhrparkmanager einen eigenen Roller zugewiesen. Per App meldet Frau Hoffmann sich morgens für die Nutzung an – dann kann sie den Roller während des ganzen Arbeitstages nutzen.

Mikromobility in the office

Mikromobilität am Arbeitsplatz: E-Roller erleichtern Arbeitnehmern den Weg zwischen Gebäuden auf dem Gelände

Mikromobilität – ein großes Marktpotenzial

Laut der Unternehmensberatung McKinsey ist das Marktpotenzial der Mikromobilität immens und beläuft sich weltweit auf rund eine halbe Milliarde Dollar. Insbesondere Europa mit seinen vielen großen Städten kann vom Zukunftstrend Mikromobilität profitieren. Die durchschnittliche Geschwindigkeit, mit der man sich hier in Städten fortbewegt, beträgt bis zu 15 km/h, und knapp 60 Prozent aller innerstädtischen Fahrten sind kürzer als acht Kilometer. Diese Fahrten sind geradezu prädestiniert für den Einsatz von umweltfreundlichen Verkehrsmitteln wie E-Rollern, E-Bikes oder E-Tretrollern. Regierungen und Mobilitätsanbieter müssen laut McKinsey zusammenarbeiten, um  eine erfolgreiche Implementierung elektrisch betriebene Kleinstfahrzeuge zum Standard-Verkehrsmittel für die „letzte Meile“ umzusetzen.

Ambivalente Entwicklung der Mikromobilität in Deutschland 

Am 15. Juni 2019 trat in Deutschland die Elektro-Kleinstfahrzeuge-Verordnung in Kraft. Seither sind neben E-Motorrollern, E-Fahrrädern und E-Scooter auch schmale Segways als Verkehrsmittel zugelassen. Mittlerweile gibt es in deutschen Städten rund 30 000 E-Scooter von Sharing-Anbietern. Dennoch werden die angebotenen Verkehrsmittel nicht ausreichend genutzt und haben einen gesellschaftlichen Diskurs entfacht.

Gemäß einer Studie der Berliner Mobilitätsberatung Civity werden Leih-E-Scooter nur zweimal bis fünfmal am Tag für wenige Kilometer bewegt. Die übrige Zeit stehen sie ungenutzt an öffentlichen Plätzen und Straßenrändern. Die Daten machen deutlich, dass Elektro-Tretroller verstärkt am Wochenende und kaum zu den üblichen Pendelzeiten genutzt werden. Für die zurückhaltende Inanspruchnahme kann es mehrere Gründe geben. Zunächst kann die Witterungsempfindlichkeit eine Rolle spielen: Einen E-Scooter im Regen zu benutzen, macht den wenigsten v.a. auf dem Arbeitsweg Spaß. Ein zweiter Grund könnte  der selektiven lokalen Verfügbarkeit zugrunde liegen. E-Scooter gibt es fast ausschließlich in Innenstadt-Arealen; für Pendler wären sie aber vornehmlich in Randgebieten interessant, von wo aus sie als Alternative zum Einfahren mit dem eigenen Fahrzeug in die Innenstädte genutzt werden könnten. Hinzu kommt, dass E-Scooter auf Gehwegen und in Fußgängerzonen nicht erlaubt sind. Nicht zuletzt deshalb stehen E-Roller-Nutzer allgemein in der Kritik: Laut dem ADAC verhält sich ein Viertel von ihnen nicht gesetzeskonform. Auf dem Verkehrsgerichtstag 2020 in Goslar stellte der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) den Nutzen von Elektro-Tretrollern im Hinblick auf eine Verkehrswende deshalb generell infrage.

Fazit

Mikromobilität ist zweifellos ein zukunftsträchtiges Segment der Mobilität im urbanen Raum, sowohl mit Blick auf den Gütertransport als auch den Personentransport. Sie muss allerdings an der richtigen Stelle angeboten werden. E-Scooter, die vermehrt in der Innenstadt stehen, substituieren vornehmlich Fuß-Transfers, womit sie eine umweltfreundliche Mobilitätslösung darstellen. In hoher Konzentration stören sie jedoch das Stadtbild, sodass sie durch ihre inflationäre Verbreitung schließlich gesellschaftliche Empörung hervorrufen können. An Haltestellen und vor Park-Arealen hingegen haben mikromobile Verkehrsmittel wie Leihräder oder E-Scooter ihre Berechtigung. Hier können sie als Teil eines multimodalen Verkehrskonzeptes fungieren und zusammen mit privaten und unternehmensinternen digitalen Parkraumbewirtschaftungs-Apps und digitalem ÖPNV-Ticketing eine neue urbane Last-Mile-Navigation darstellen. Eine App, die tatsächlich flächendeckend alle verfügbaren Makro- und Mikromobilitäts-Verkehrsmittel zusammenfasst, gibt es bislang nicht. Die Jelbi-App funktioniert nur in Berlin, und auch alle anderen Mobilitäts-Apps am Markt sind entweder lokal begrenzt oder umfassen zu wenige Verkehrsmittel. Nichtsdestotrotz ist Mikromobilität auf dem Vormarsch. Sie wird die individuelle Fortbewegung in Zukunft maßgeblich mitbestimmen.

ihre-parksituation

Quellen:

https://logistra.de/news/nfz-fuhrpark-lagerlogistik-intralogistik-hypermotion-2019-logistik-und-mobilitaet-von-morgen-16487.html

http://www.eurotransport.de

https://www.mckinsey.de/~/media/McKinsey/Locations/Europe%20and%20Middle%20East/Deutschland/News/Presse/2019/2019-01-30%20Micromobility/190130_PM_Micromobility_vfinal.ashx

http://scooters.civity.de/

http://www.autozeitung.de

https://www.autozeitung.de/plev-e-scooter-legal-194626.html

Alle Quellen wurden am 24.03.2020 abgerufen